SALZBURG – Seit Anfang 2025 ist es nun auch in Österreich als einem der letzten Länder in der EU möglich, den Facharzttitel für Allgemein- und Familienmedizin zu erlangen. Für die Bundessektion Allgemeinmedizin und approbierte Ärzte ist dies nach jahrzehntelangen Bemühungen ein großer Moment. Am 26. März 2025 hat die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) die erfolgreiche Einführung des neuen „Facharzt für Allgemein- und Familienmedizin“ mit einer festlichen Enquete in der Alten Residenz in Salzburg gebührend gefeiert.
Mit dabei waren Wegbereiter wie Dr. Christoph Fürthauer (geschäftsführender Obmann der Bundessektion Ärzte für Allgemeinmedizin und approbierte Ärzte in der ÖÄK und Gastgeber), Dr. Edgar Wutscher (ÖÄK-Vizepräsident und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte), ÖÄK-Präsident Dr. Johannes Steinhart, Dr.in Susanne Rabady (Past Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM)) und Dr. Peter Kowatsch (Präsident der ÖGAM). Aus der Politik geladen waren Mag.a Daniela Gutschi (Salzburger Landesrätin für Gesundheit und derzeitige Vorsitzende der Landesgesundheitsreferenten-Konferenz), Dr.in Katharina Reich (Chief Medical Officer, Sektionsleitung VII im Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz) und Prof. Dr. Michael Kierein (Ansprechpartner und Leiter der Abteilung für Rechtsangelegenheiten bei Ärzten im Gesundheitsministerium).
Die bei den Feierlichkeiten versammelte Ärzteschaft war sich einig darin, dass der Hausarzt und die Hausärztin eine wesentliche Rolle im Gesundheitssystem und in der Primärversorgung spielen und dabei helfen, die Patientinnen und Patienten bestmöglich zu versorgen und zu lenken. Oftmals kenne niemand seine Patientinnen und Patienten so gut und so kontinuierlich wie der Hausarzt und die Hausärztin. Diese häufig lebenslange „bio-psycho-soziale Beziehung“ sei es, die für ein gutes Zusammenspiel von Generalisten und Fachspezialisten sorge und helfe, das „Big Picture“ zu sehen und die Patientinnen und Patienten somit ressourcenschonend als auch wohltuend zu versorgen, wie Prof. Dr. Antonius Schneider (Ärztlicher Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung Technische Universität München / Klinikum rechts der Isar) in seinem Vortrag unterstrich.
Allgemeinmedizin ist „Kitt des Gesundheitssystems“
Im Rahmen der Einführung des neuen Facharzttitels sprach Dr.in Susanne Rabady (Past Präsidentin der ÖGAM) angesichts der jahrtausendelangen Geschichte der Allgemeinmedizin in ihrem Referat gar von einer „Wiedergeburt der Allgemeinmedizin“, die der Fachdisziplin endlich ihr „Losigkeitssyndrom“ nehme und ihr verdientermaßen zu einem wertschätzenderen, besseren Image verhelfe. Wichtig sei nun der Wissenszuwachs, auch und gerade angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen in Zeiten der Multimorbidität und Polypharmazie, so Dr.in Rabady. Die Kernkompetenz der Allgemein- und Familienmedizin sei der „Kitt des Gesundheitssystems“ und die Defragmentierung das, was die Menschen und das Gesundheitssystem nun benötigen. Zentral bei der zukünftigen Entwicklung der Fachrichtung seien vor allem Kontinuität und die Abwendung der Gefahr einer reinen Systemadministration.
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion an diesem für die Allgemeinmedizin denkwürdigen Tag tauschten sich erfahrene Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner verschiedener Generationen aus. Sie erzählten von besonders emotionalen Eindrücken aus ihrer medizinischen Tätigkeit, die sie vor und nach der Einführung des neuen Facharzttitels gewonnen haben.
Vor allem jüngere Allgemeinmedizinerinnen wie Dr.in Sabine Haupt-Wutscher, Allgemeinmedizinerin in Tirol, Dr.in Johanna Dolcic, Allgemeinmedizinerin in Salzburg, und Dr.in Reingard Glehr, Allgemeinmedizinerin in der Steiermark, berichten voller Freude und Stolz davon, wie sich seit der Verwissenschaftlichung des Faches Allgemein- und Familienmedizin junge Medizinstudierende mit Begeisterung dafür entscheiden, als Facharzt oder Fachärztin für Allgemein- und Familienmedizin in der Niederlassung arbeiten zu wollen.
Nach jahrzehntelangen Bemühungen: erfolgreiche Aufwertung und Würdigung des Faches Allgemeinmedizin
Für Dr.in Haupt-Wutscher stellt es eine „massive Aufwertung und Würdigung des Faches“ dar, vor allem für die „Turnusärzte und zukünftigen Fachärzte für Allgemeinmedizin, die eine unglaubliche Qualität an Ausbildung bekommen werden“. Sie selbst habe an der Uni Innsbruck nur Gutes erfahren: „Wir haben höchstpositive Rückmeldungen, Studenten sind in der Vorlesung zu mir gekommen und haben gesagt: ,Letztes Jahr warst du Ärztin und jetzt bist du Fachärztin – lass dir gratulieren!‘“ Auf ihre Frage an die Studierenden, was das für sie bedeute, antworteten diese: „Das heißt, ich werde es mit noch mehr Stolz erzählen, dass ich Allgemeinmediziner werde!“
Ihre Aussichten für die Zukunft: „Die Studenten nehmen das als positive Wertschätzung wahr und sehen das ganz klar als Aufwertung und freuen sich darauf, Allgemeinmediziner zu werden. Und das ist das Schönste, was wir uns wünschen können!“
Auch aus der Sicht von Dr.in Reingard Glehr bringt es Stolz für das Fach Allgemeinmedizin. „Der Wunsch nach einem wissenschaftlich fundierten Fach ist auch von den Studentinnen und Studenten immer wieder gefallen und das ist auch von ihnen als große Errungenschaft wahrgenommen worden in der Gleichstellung zu den spezialistischen Fächern.“ Doch ausruhen zählt nicht: „Für die Zukunft ist das eine große Chance, wieder mehr Fachärzte für Allgemein- und Familienmedizin zu gewinnen; die größte Aufgabe ist noch, diese Elite der jungen Ärztinnen und Ärzte bei uns zu behalten...“
Wenn das gelingt, so ist sie sicher, wird es „für viele erstrebenswert sein, Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemein- und Familienmedizin zu werden.“
Wissenschaftlich fundiertes Fach: Stolz und Ebenbürtigkeit
Für Dr.in Johanna Dolcic sei es ebenfalls eine extreme Bereicherung für ihr Fach. „Ich habe dafür kämpfen müssen, dass dieses Fach Wertigkeit und seine Berechtigung hat“, so die Allgemeinmedizinerin. „Dieser Facharzttitel ist für uns wichtig, dass wir als ebenbürtige Kolleginnen und Kollegen angesehen werden.“
Sie sieht darin eine sehr gute Möglichkeit, die Ausbildung zu verbessern und lobt die ÖGAM für ihr Engagement, das Fach wissenschaftlich abzubilden und die Ausbildung aufzuwerten. Das gelte es weiterzutragen, so Dr.in Dolcic.
Denn auch sie hat bereits positive Rückmeldung bekommen: „Wir haben eine Studentin in der Lehrpraxis, und auch ihr Vorgänger wollte ein ganz anderes Fach machen, und den haben wir sehr dafür [für die Allgemeinmedizin] begeistern können.“
Zur Zukunft meint Dr.in Dolcic: „Wir können begeistern, wir brauchen Berührungspunkte und Kontinuität in der Ausbildung, wir brauchen strukturierte Begleitlehrgänge, Mentorenprogramme. Wir haben in Salzburg gute Pilotprojekte und wir müssen dranbleiben, dass wir das so beibehalten und weiterentwickeln.“
Dr. Christoph Fürthauer hob abschließend hervor, dass der neue Facharzttitel insbesondere dank seiner qualitativeren und längeren praktischen Ausbildung das Fach wesentlich attraktiver mache und so auch helfe, Kassenstellen zukünftig leichter zu besetzen.
Mag. Christoph Schwalb
(Pressestelle)